Geschichte
Jerseys faszinierende und ereignisreiche Geschichte reicht über ein Jahrtausend zurück. Heute kündet seine Landschaft mit ihren im normannischen Stil erbauten Bauerngehöften, den engen Gassen, kleinen Feldern und französischen Straßennamen allerorten davon, dass die Geschicke der Insel stets von zwei großen Nationen beeinflusst waren: England und Frankreich.
Vorgeschichte
Sogar aus vorgeschichtlicher Zeit sind auf Jersey viele Zeugnisse erhalten geblieben. So zeigen sich in St. Ouen noch heute bei Ebbe die Überreste eines riesigen Waldes, der sich hier vor über 10.000 Jahren erhob, als die Insel noch Teil des französischen Festlandes war.
In La Cotte à la Chèvre ("Ziegenhöhle") dagegen, an der nördlichen Küste bei St. Ouen, haben urzeitliche Jäger Feuersteine und grobes Steinwerkzeug hinterlassen, während sich in La Cotte de St. Brelade eine der bedeutendsten altsteinzeitlichen Stätten Europas findet. La Hougue Bie schließlich ist eine beeindruckende Grabanlage, die ein Ganggrab aus der Neusteinzeit beherbergt, das ums Jahr 3000 v. Chr. herum angelegt wurde.
Frühchristliche Jahrhunderte
Laut historischen Quellen ist das Christentum zur Zeit des römischen Imperiums nach Jersey gekommen; richtig Fuß gefasst hat es aber erst dank Sankt Helier, einem Einsiedler und Märtyrer, der im 6. Jahrhundert auf der Insel gelebt hat. Seine Wirkstätte als Prediger lag unweit des Felsen, auf dem sich heute Elizabeth Castle erhebt, der Ort, wo ihn sächsische Piraten ermordet haben sollen. Sechshundert Jahre später wurde ihm zu Ehren an derselben Stelle eine kleine Kapelle errichtet, die heute als Hermitage bekannt ist.
Über Jahrhunderte wurde das kleine, exponierte Jersey immer wieder von Piraten heimgesucht. Den nachhaltigsten Eindruck hinterließen aber die plündernden Horden der Wikinger - die "Normannen", wie sie hier genannt wurden. Während des gesamten 9. Jahrhunderts fielen diese mehrmals über die Insel her und konnten erst durch den Pakt gestoppt werden, den König Karl der Einfältige von Frankreich mit dem Wikingeranführer Rollo schloss.
Unter normannischer Herrschaft
Im Austausch für den Frieden erhielt Rollo die Ländereien um Rouen, die spätere Normandie - ein Ereignis, das Jersey auf immer mit Frankreich verknüpfen sollte. Rollos Sohn Willhelm Longsword wurde Herzog der Normandie und machte gleich darauf die Kanalinseln zu einem bedeutenden Bestandteil des Herzogtums.
Ein Großteil von Jerseys Gesetzen und Gebräuchen, aber auch seine Landschaften, sind noch heute von der Zeit unter normannischer Herrschaft (933-1204) geprägt. Vier Generationen später war es Willhelm "der Eroberer", Sohn des sechsten Herzogs der Normandie, der in der berühmten Schlacht von Hastings (1066) England eroberte - und dadurch Jerseys Schicksal für immer mit dem der englischen Krone verknüpfte.
Unter englischer Herrschaft
Die normannische Herrschaft hielt sich bis 1204, als ein Nachkomme von Willhelm, König Johann, gegen Frankreich in den Krieg zog - und verlor. Die Kanalinseln mussten sich damals entscheiden, wem ihre Loyalität galt. Sie gaben schließlich England den Vorzug.
Dieser Schritt hatte jedoch seinen Preis. Denn im Laufe der kommenden Jahrhunderte verstrickten sich England und Frankreich in immer neue Kriege, so dass die Insel nicht nur durch ihre Nähe zu Frankreich gefährdet war, sondern auch durch die Tatsache, dass sie immer wieder als erste Verteidigungslinie gegen französische Invasionsversuche genutzt wurde.
Die zu diesem Zweck errichteten Befestigungsanlagen prägen noch heute Jerseys Antlitz. So wurde Mont Orgueil Castle auf Geheiß von König Johann selbst erbaut, zum Schutz der Ostküste; Elizabeth Castle, benannt nach der berühmten Tudor-Königin, wurde dagegen im 16. Jahrhundert errichtet, zur Verteidigung des aufstrebenden Städtchens St. Helier. In den 1770ern schließlich wurde die Insel mit Wehrtürmen - den so genannten Martello-Türmen - geradezu übersäht, erneut eine Schutzmaßnahme gegen eine allzeit drohende französische Invasion.
Die Franzosen aber schafften es mehrmals diese Bollwerke zu überwinden. So eroberten sie im Jahr 1461 Mont Orgueil Castle und regierten von dort aus die Insel sieben Jahre lang mit eiserner Faust. In einer Januarnacht im Jahr 1781 landeten französische Truppen bei La Rocque und marschierten direkt in der Hauptstadt St. Helier ein - ohne dass auch nur ein Schuss abgefeuert wurde. Nur der Tapferkeit eines englischen Offiziers, Major Pierson, war es schließlich zu verdanken, dass einem weiteren französischen Vordringen Einhalt geboten wurde.
Jersey und New Jersey
Die Beziehung der Insel Jersey zum US-Bundesstaat New Jersey geht auf den englischen Bürgerkrieg zurück: König Karl II. von England nahm auf der Insel gleich zweimal Zuflucht, einmal als Prinz von Wales, danach als König von England im Exil.
Diese Treue wurde belohnt, als König Karl II Smith's Island und einige weitere Inselchen vor der Küste von Virginia an Sir George Carteret abtrat, verbunden mit der Erlaubnis zu deren Besiedlung. Der neue Name, den Sir George diesen Inseln gab? New Jersey. Zwar schlugen erste Besiedelungsversuche fehl, im Jahr 1664 aber erhielt Carteret, Lord of the Manor of St. Ouen, vom Herzog von York das Besitzrecht an dem späteren US-Territorium, das heute als New Jersey bekannt ist.
Zweiter Weltkrieg
Die Epoche aber, die Jerseys Landschaft - und Psyche - am nachhaltigsten prägen sollte, war die Zeit unter deutscher Besatzung zwischen 1940 und 1945. Trotz des Heldenmuts, den Soldaten aus Jersey während der Befreiung britischer Truppen in Dünkirchen bewiesen, hielt Churchill die Kanalinseln für nicht zu verteidigen und erklärte sie zur entmilitarisierten Zone. Einmal mehr sahen sich die Inselbewohner einem schwierigen Dilemma gegenüber: Sollten Sie aufs englische Festland flüchten und ihr Zuhause und viele Angehörige zurücklassen - oder sollten sie bleiben und stattdessen einer mehr als ungewissen Zukunft entgegensehen? Das Ergebnis: etwa 10.000 flüchteten, viele, um sich den britischen Truppen anzuschließen, rund 40.000 blieben.
Unter Hitlers direktem Oberbefehl wurde während der deutschen Besatzungszeit sowohl auf Jersey wie auf Guernsey, einer weiteren Kanalinsel, ein ausgeklügeltes System von Befestigungsanlagen erbaut, dessen Reste noch heute Jerseys Landschaftsbild prägen. Zwangsarbeiter aus Spanien, Russland, Polen und der Ukraine mussten sich für deren Errichtung unter menschenunwürdigsten Bedingungen abschinden. Inselbewohner, die flüchtenden Arbeitssklaven Zuflucht gewährten, wurden mit derselben Härte bestraft wie die Flüchtlinge selbst.
Die bewegende Geschichte dieser Jahre wird in den Jersey War Tunnels wieder lebendig.
Nationalflagge Jerseys
In Kürze
Jerseys Nationalflagge besteht aus zwei roten Diagonalen auf weißem Grund und zeigt im oberen Dreieck drei goldene Leoparden (oder Löwen) auf einem roten Schild, das mit einer goldenen Krone besetzt ist.
Seinen Ursprung hat dieses Muster im "Jubilee Year" 1977, dem Jahr, in dem die Queen ihr silbernes Jubiläum feierte. Damals entschieden Jerseys oberste Behörden, dieses Ereignis mit der Schöpfung einer offiziellen Flagge zu feiern, welche die alte, inoffizielle Fahne (dasselbe Grundmuster, aber ohne Schild und Krone) ersetzen sollte. Dies geschah schließlich im Jahr 1979.
Etwa seit den 1820ern wurde das rote diagonale Kreuz auf weißem Grund als Jerseys Flagge benutzt. Das Schild ist das alte Wappen von Jersey, und die (Plantagenet-)Krone erinnert daran, dass die Kombination von Schild und Krone bereits seit der Zeit Eduards I. (1239-1307) Verwendung fand.
Im Detail
Das rote diagonale Kreuz auf weißem Grund ist die traditionelle Flagge der Fitzgeralds, den Grafen von Kildare. Es wurde zunächst vom Königreich Irland und danach von den Rittern von St. Patrick übernommen, bevor es schließlich auch in den Union Jack integriert wurde, der Flagge des Vereinigten Königreiches.
In Bowles "Universal Display of the Naval Flags of All Nations" (1783) findet sich die erste Verbindung der Flagge mit Jersey; laut Kapitän John Tessin-Yandell geht diese jedoch bereits auf französische Seekarten aus dem Jahr 1757 zurück.
Bowle seinerseits stützte sich auf holländische Karten von Van Keulen (ca. 1720), der wiederum auf Angaben von Allard zurückgriff. Dieser seinerseits bezog sich auf zwei Stiche in "Le Neptune françois" (Amsterdam 1693), wo die roten gekreuzten Balken oben mit "ierse" und unten mit "irlandois" beschriftet waren.
Laut Major Rybot irrte sich Bowle aber, als er "ierse" mit Jersey gleichsetzte, denn das holländische Wort für irisch lautet "iers". Dem hält Tessin-Yandel entgegen, dass "ierse" nicht als deklinierte Form von "iers" interpretiert werden darf, da diese im Holländischen vor 1923 gar nicht existierte und außerdem als "iersche" hätte wiedergegeben werden müssen. Das altfranzösische Wort für Jersey hingegen lautete "iersé" - ein Indiz für die Richtigkeit von Bowles Interpretation.
Kurzum, bis sich eine Abbildung der Flagge aus der Zeit vor 1783 finden lässt, die eindeutig Jersey zugeordnet werden kann, wird dieser Disput wohl noch andauern. Auf Münzen oder Gemälden tauchte die Flagge übrigens nie auf, dafür aber auf staatlichen Gebäuden aus dem 18. Jahrhundert sowie bei offiziellen Anlässen ab 1841.