Über Jersey

Die Insel

Sitten und Gebräuche

Auf Jersey existieren eine ganze Reihe einzigartiger Sitten und Gebräuche, die hier kurz vorgestellt werden.

Ehrenamtliche Würdenträger

Aufgrund seiner mittelalterlichen Vergangenheit unter normannischer Herrschaft existiert auf Jersey heute eine ganz eigene Form des Verwaltungs- und Polizeiwesens; eine, die ihre Effektivität auch im 21. Jahrhundert noch tagtäglich unter Beweis stellt.

Jersey ist unterteilt in 12 Gemeinden, deren Organisation noch immer auf dem Prinzip des ehrenamtlichen Gemeindedienstes beruht. Das zivile Haupt der Gemeinde ist der Constable bzw. Connétable, der nach seiner Wahl auch dieses wichtige Amt grundsätzlich ehrenamtlich ausfüllt.

Die Bezeichnung Constable geht auf den altfranzösischen Titel Conte de L’Etable, d.h. „(königlicher) Beamter der Stallungen“, zurück und bezeichnet denjenigen Hofbeamten, der im Mittelalter dafür zu sorgen hatten, dass dem König und seinem ausgedehnten Hofstaat jederzeit frische Pferde für ihre Reisen von Residenz zu Residenz zur Verfügung standen.

Der Constable vertritt nicht nur seine Gemeinde während der Parlamentsversammlungen in der States Assemby, sondern er oder sie leitet auch die lokale, ebenfalls ehrenamtlich tätige, Polizei. Deren Vertreter, die den Rang von Centeniers, Vingteniers und Constable’s Officers tragen, werden innerhalb der jeweiligen Gemeinde in diese Ämter gewählt.

Die Centeniers behandeln Gesetzesübertretungen bis zu einer gewissen Schwere und sind berechtigt, Bußen auszusprechen. Unterstützt werden sie von den Vingteniers, die für das Einziehen von Gemeindesteuern verantwortlich sind, und von den Constable’s Officers.

Eine weitere Schlüsselposition im öffentlichen Leben einer Gemeinde bekleiden die Mitglieder des Comité des Chemins, das für den Unterhalt von Haupt- und Nebenstraßen zuständig ist.

Ob groß oder klein, in allen Gemeinden werden die Belange der Steuerzahler von gewählten Überwachungsbeauftragten geschützt, den Procurers du Bien Publique („Bewahrer des Gemeinwohls“), die ebenfalls ehrenamtlich tätig sind. In jeder Gemeinde tragen zwei dieser Beauftragten dafür Sorge, dass die Steuergelder auch auf korrekte Weise ausgegeben werden.

Seegrasernte

Vor allem auf den Stränden an Jerseys Westküste wird systematisch das dort von der Flut abgelegte Seegras, in der Sprache der Inselbewohner „Vraic“ genannt, eingesammelt und auf den Feldern als Naturdünger ausgebracht. 

Schnecken adoptieren

Der Durrell Wildlife Conservation Trust unterhält einen weltberühmten Zoo, gegründet vom leider verstorbenen Gerald Durrell. Zu den ungewöhnlicheren Attraktionen gehört ein „Schneckarium“, das bedrohten Schneckenarten eine Heimat bietet. Diese, wie auch andere im Zoo umsorgte Geschöpfe, können von jedermann und -frau „adoptiert“ werden, d.h. durch eine kleine Spende unterstützt man den Zoo bei seiner Arbeit und wird so zu „Pflegevater“ bzw. „Pflegemutter“.

Seeohrernte

Das Seeohr (Englisch Ormer), ein seltenes Schalentier, kommt nur in den Gewässern um die Kanalinseln vor und ist mit dem Abalone verwandt, aber kleiner als dieser. Das auf Englisch auch als Mutton Fish oder auf  französisch Oreille de Mer („Seeohr“) bezeichnete Tier gilt als eine Delikatesse, und die Kanalinseln stellen die nördliche Grenze seines Verbreitungsgebietes dar.

Wegen der biologischen und sozialen Bedeutung dieser Spezies für Jersey werden die Bestände sorgsam vor Überfischung geschützt. Die folgenden Vorschriften sind derzeit in Kraft:

  • Das Sporttauchen nach Seeohren ist untersagt.
  • Seeohren dürfen erst ab einem Muscheldurchmesser von 90 mm „geerntet“ werden.
  • Die Erntesaison dauert von 1. Oktober bis 30. April.
  • Während dieser Saison darf die Ernte nur am ersten Tag des Neu- oder Vollmondes sowie an den darauf folgenden 3 Tagen erfolgen.
  • Der Besitz von Seeohren oder deren Export ist außerhalb der Erntesaison generell untersagt und innerhalb dieser Saison nur jeweils am ersten Tag des Neu- oder Vollmondes sowie an den darauf folgenden 5 Tagen gestattet.

Diese Vorschriften werden streng überwacht, und jede Zuwiderhandlung wird mit hohen Bußen bestraft. Bei Ebbe – Jersey hat den zweitgrößten Tidenhub weltweit und „schwillt“ bei Meerestiefstand jeweils um ein Drittel an – werden Sie während der Erntesaison den Jerseyanern regelmäßig dabei zusehen können, wie sie die Felsen nach den heiß begehrten Delikatessen absuchen.

Sind sie erst einmal erspäht, werden sie von Hand von den Unterseiten der Felsen abgelöst und in traditionellen Seeohr-Körben an die Küste getragen. Seeohren mit dem Fleischhammer geschlagen und dann entweder im Ofen als Eintopf zubereitet oder mit Bratensauce, Karotten und Zwiebeln serviert. Die Muschelgehäuse der Seeohren wurden wegen ihrer schimmernden Erscheinung schon immer als Dekorations- und Schmuckstücke verwendet.

Seeohren sind allerdings derart selten, dass man sie derzeit wohl kaum auf der Speisekarte eines hiesigen Restaurants findet. Wenn die Fischer vor Ort mit viel Glück einige Exemplare finden, dann enden diese sicher im Familienkochtopf und nicht auf dem Markt. Die Landwirtschafts- und Fischereibehörde von Jersey hat ein Programm zum systematischen Anbau von Seeohren ins Leben gerufen, so dass diese Tiere vielleicht schon in ein paar Jahren wieder fester Bestandteil der lokalen Esskultur sind.

Die Branchage

Zwischen Juli und September werden Inselbesucher öfters auf kleine Grüppchen ernst dreinschauender Männer treffen, die in allen Gemeinden akribisch darangehen, überhängende Baumäste zu vermessen.

Diese Gruppen setzen sich jeweils aus Constables, Centeniers, Vingteniers, Mitgliedern des Road Committee und Road Inspectors zusammen. Sie kontrollieren, dass Äste nicht näher als 8 Fuß (2,4 m) an Fußpfade und 12 Fuß (3,6 m) an Straßen heranreichen.

Diese zweimal pro Jahr durchgeführte Inspektion wird als Visite du Branchage („Kontrolle des Geästs“) bezeichnet, und alle Landbesitzer, deren Baumbestände nicht entsprechend zurechtgestutzt waren, wurden früher mit einer Buße von 50 p belegt. Heute muss ein „Ersttäter“ gleich 50 Pfund berappen – Wiederholungsstäter gar bis zu 500 Pfund.

Clameur de Haro

Dieser uralte Brauch, der in Frankreich seinen Ursprung hat, diente einst zur sofortigen Wiedergutmachung eines (wahrgenommenen) Unrechts. Er geht vermutlich auf Rollo zurück, den Wikingeranführer, der im 10. Jahrhundert über die Normandie herrschte. In Frankreich selbst ist dieser Brauch aber schon lange in Vergessenheit geraten.

Das Wort „Haro“ gilt als Verballhornung von „O Rollo“, ein Schrei, der einst dazu diente, vom Wikingeranführer sofortige Streitschlichtung zu erwirken. Die volle eindringliche Bitte (clameur), die im Beisein zweier Zeugen ausgesprochen werden muss, einer davon der Attorney General (Justizminister) der Insel, lautet wie folgt:

„Haro, Haro, à l’aide mon Prince, on me fait tort.“

Zu Deutsch: „Hilf mir, o hilf mir, mein Prinz, mir ist ein Unrecht widerfahren!”

Dieser Clameur hat eine sofortige gerichtliche Verfügung zur Folge, welche den Beschuldigten verpflichtet, solange von seinem Tun abzulassen, bis ein ordnungsgemäßes Gericht zu einer definitiven Beurteilung des Falls gelangt ist.

Jersey-Pullover

Das Stricken wird schon seit 400 Jahren traditionell mit Jersey in Verbindung gebracht. Im 16. Jahrhundert wurden eine Unmenge gestrickter Kleidungsstücke, vor allem Kniestrümpfe und Westen, von Jersey nach England und Frankreich exportiert.

In dieser Zeit wurde der Begriff Jersey im Englischen als Synonym für Strickwaren ganz allgemein gebraucht – wie das heute noch bei am Oberkörper getragenen Kleidungsstücken der Fall ist. Obwohl die Bauern auf der Insel die Schafzucht nicht mehr zur Wollgewinnung betreiben, werden hier auch heute noch die dicken, traditionellen Fischerpullis (Fisherman’s Jersey) hergestellt.

Spazierstockkohl

Der Spazierstockkohl (brassica oleracea longata), der in Jersey schon seit 1827 heimisch ist, erreicht die stattliche Höhe von 3 Metern. In Spazierstöcke verwandelt wird der massive „Stängel“ dieses Gewächs von den Jersey Woodturners, die an der Harbour Gallery in St. Aubin zu finden sind und das alleinige Verkaufsrecht für diese Inselspezialität besitzen. In Samarès Manor and Gardens sind die Samen der Pflanze erhältlich, so dass man damit seinen eigenen Spazierstockkohl anbauen kann.

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January 6, 2009

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